So bezahlt der Chef die Weiterbildung

Tanja Schmid (Name von der Redaktion geändert) hat sich entschlossen, beruflich weiterzukommen. Die 29-jährige Industriekauffrau arbeitet bei einem Süddeutschen Automobilzulieferer und trat dort als Sachbearbeiterin in Bezug auf ihre Karriere auf der Stelle. Vor sechs Jahren fasste die Stuttgarterin einen Entschluss: Sie will sich auf eigene Faust nebenberuflich qualifizieren. Binnen zweieinhalb Jahren absolvierte sie erst einen Lehrgang zur Industriefachwirtin und setzte im Anschluss den Betriebswirt oben drauf. Für beide IHK-Abschlüsse opferte sie in Summe 55 Sams- und Sonntage.

Und vier Wochen vor den Prüfungen schraubte sie ihre Arbeitszeit auf halbtags herunter - mit den entsprechenden Gehaltseinbußen. "Vom Chef bekam ich anschließend eine Sonderprämie", sagt sie. Bezahlen musste Schmid die rund 5000 Euro Lehrgangskosten und Prüfungsgebühren also nur zur Hälfte aus eigener Tasche.

Die richtige Verandlungsstratgie

Wie ihr geht es leider nicht Vielen, die sich nebenberuflich weiterbilden. Vom Chef gibt es oft keinen Cent. Dabei muss das nicht sein. "Wer verhandelt, kann einiges rausholen", sagt Simone Stargardt. Die Geschäftsführerin der Weiterbildungsakademie carriere & more Region Stuttgart hat ein paar Tipps für die richtige Verhandlungsstrategie:


PASSENDEN ZEITPUNKT FINDEN

Wer beim Chef vorspricht, nachdem er gerade Mist gebaut hat, kann höchstwahrscheinlich mit einer Absage rechnen. "Ein guter Zeitpunkt für Verhandlungen um Budget und Kostenübernahmen ist nach abgeschlossenen Projekten oder Zielerreichungen", verdeutlicht Stargardt. Denn, ist der Arbeitgeber zufrieden mit der bisherigen Arbeit, steigt die Chance für ein erfolgreiches Gespräch. Dabei allerdings darauf achten, den Chef nicht zu überrumpeln. Am besten ist es, das Gespräch zu planen.

Also im Vorfeld einen Termin mit der Sekretärin vereinbaren. Hilfreich war es etwa für Tanja Schmid, das Gespräch vorab mit einem Zuhörer zu üben. "Bei mir war das ein Freund, der Erfahrung mit Chefgesprächen hat", sagt die Schwäbin. Geholfen habe ihr, dass der das Gespräch überzeichnet habe. Denn: Je mehr "böse" Fragen der Sparringspartner stellt, desto besser die Vorbereitung auf den "Ernstfall".


MEHRWERT HERAUSSTELLEN

Als zweiten Tipp nennt Stargardt eine schlüssige Argumentation: "Es lohnt sich, im Chef-Gespräch den Mehrwert für die Firma herauszustellen." Als Einkäufer dienen frisches BWL-Wissen und neuste Rechtskenntnisse der Ertragssteigerung des Unternehmens. Ein Vertriebler mit Hintergründen zu Psychologie oder Volkswirtschaft kann im Kundengespräch höhere Margen erzielen, wenn er das Produkt wertiger verkaufen kann, meint die Bildungsexpertin. Ihr Rat: Wer verhandelt, sollte aufzeigen können, wo und wie er das neue Wissen einsetzen kann. Oder welche Firmenprojekte er damit auf gewinnbringenden Weg bringt. Folge: Die Inhalte der Weiterbildung müssen klar kommuniziert werden. Infobroschüren und Stundenpläne schaffen hierbei Transparenz.

Stargardt rät, "die zusammengestellten Argumente mit Fakten untermauern". Wer es ernst meint, besorgt sich daher bei Vertrieb, Einkauf oder im Controlling die Zahlen, um daraus eine logische Argumentationskette zu bilden. Dabei allerdings nicht alles auf 20 Seiten Powerpoint darstellen. Wichtiger ist es, auf einem DINA 4-Blatt die Kernbotschaft zu bündeln. Präpariert auf Nachfragen des Chefs sollte allerdings das Restwissen im Kopf abgespeichert sein. Hinzu kommt: Eine hohe Weiterbildungsquote bei Mitarbeitern trägt zur Imagepflege des Unternehmens bei. "Als erfolgreicher Absolvent eines Lehrgangs bin ich Aushängeschild der Firma", bestätigt auch Schmid, die gute Resonanz auf die IHK-Abschlüsse erhalten hat. Auch spornt das Vorbild eines erfolgreichen Absolventen weitere Kollegen an, sich ebenfalls nicht im Job auszuruhen. "Das sollte der Chef als Botschaft hören", fasst Stargardt zusammen.


EIGENLEISTUNGEN AUFZEIGEN

Richtig ist, Weiterbildungen sind zeitaufwändig. Aber wenn der Arbeitgeber sieht, dass sein Angestellter persönlichen Einsatz bringt, motiviert es ihn eher, sich finanziell zu beteiligen. Hier ist es daher sinnvoll, im Detail aufzuzeigen, was an Eigenleistung eingebracht wird: Hierzu gehört eine Summe der Wochenenden, Feierabende und Urlaubstage, die der Arbeitnehmer einzubringen plant. Auch die Erklärung wie diese Stundenmenge neben Familie, Hobby und Entspannung freigeboxt werden soll, dient dem Vorhaben, den Chef zu überzeugen. "Zumal das Durchspielen einen zwingt, sich tatsächlich mit den Hindernissen auseinander zu setzen", wie Stargardt beobachtet hat. Was wiederum die Gefahr eines Abbruchs der Weiterbildung mindert.

Und vielleicht kommt als Fazit neben der (anteiligen) Kostenübernahme durch den Chef der Wunsch nach mehr befristeter Arbeitszeitreduzierung heraus, um besser und schneller lernen zu können. Oder noch Zeit für Erholung zu haben. Stargardt weiß: "Das Modell Freizeit gegen Übernahme von Qualifizierungskosten und -gebühren fruchtet bei vielen Firmen." Das belegen Berichte von Lehrgangsteilnehmern. Zumal Unternehmen Kosten für eine Weiterbildung als betriebliche Ausgabe von der Steuer absetzen können. Und wie jeder Steuerberater bestätigen wird, fallen auf den Zuschuss zur Weiterbildung keine Sozialversicherungsabgaben an. Somit ist er günstiger als eine Gehaltserhöhung.


ANS UNTERNEHEMEN BINDEN

Allerdings spielt bei manchen Chefs Angst mit. "Sie befürchten, dass sich besser qualifizierte Leute einen neuen Job außer-
halb der Firma suchen", sagt Stargardt.
Diese Angst kann der Weiterbildungswillige entkräften, indem er im Gespräch ein klares Bekenntnis zum Unternehmen abgibt. Und somit um Vertrauen in seine Person wirbt. Noch mehr als ein Lippenbekenntnis ist die Bindung an den Betrieb. Sich daher für die Kostenübernahme zu binden, ist ein gängiger Weg.

Für eine zweijährige, nebenberufliche Weiterbildung gelten die zwei darauf-
folgenden Jahre als Bindung an die Firma
als angemessen. "Und wer geschickt verhandelt, kann sich gleich Aufstiegsmöglich-
keiten zusichern lassen", rät Stargardt. Und ganz ähnlich wie die Punkteprämie im Profifußball, kann sich ein Arbeitnehmer erfolgsabhängig vergüten lassen. Dann bezahlt der Chef wie bei Tanja Schmid die Weiterbildung rückwirkend, wenn der Angestellte seinen Kurs oder Lehrgang absolviert und die Prüfungen bestanden hat.


MEISTER-BAFÖG BEANTRAGEN

Stargardts-Schlusstipp: "Für eine bestimmte Auswahl an Weiterbildungen gibt es Geld vom Staat." Über die KfW-Bank beantragt, schießt er 30 Prozent zu und gibt fast 70 Prozent als zinsloses Darlehen. Dieses Modell eignet sich auch als Vorschlag für den Chef. Der Arbeitnehmer beantragt das Bafög und der Arbeitgeber begleicht nach erfolgreichem Bestehen der Prüfungen den Kredit. Und wenn der Chef gar nicht will, dann eben nur staatliche Förderung über Meister-Bafög - das sind alles in allem fast 48 Prozent von Lehrgangs- und Prüfungsgebühr. Damit ist man vom Arbeitgeber unabhängig und kann mit dem Abschluss entweder intern oder extern eine bessere Position und mehr Gehalt verhandeln.





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